BECOMING OUTLINE
Videoinstallation, 45 min.
Videoinstallation, 45 min.
Screen 1 Querformat / Screen 2 Hochformat, Dauer 45 min., 2024
In Becoming Outline nähert sich Miriam Bajtala einem komplexen Sachverhalt mit ebenso komplexen Mitteln. Was ist eine Biografie? könnte sie uns fragen. Wir könnten antworten, dass wir uns eine lineare Erzählung darunter vorstellen, in Buchform vielleicht, das lässt sich literaturgeschichtlich auch gut belegen. Wir könnten aber auch sagen, dass jedes Individuum eine Biografie hat, zusammengesetzt aus einer Sammlung von Erinnerungen, die mal mehr und mal weniger zuverlässig sind. Das eignet sich gut als Ausgangspunkt für die psychoanalytische Aufarbeitung. Oder, wenn wir so eine Aufarbeitung fürchten, dann könnten wir sagen: Biografie? Schick ich im Anhang! Und da findet man dann einen Lebenslauf, dargebracht als Fließtext, der die Höhepunkte unseres beruflichen Werdegangs in ganze Sätze verpackt. Beeindruckend, gerne, aber auch nicht zu lang.
In Bajtalas Videoinstallation sind Ansätze all dieser Herangehensweisen vorhanden und mehr. Schon die Leinwand wird multiperspektivisch genutzt. Da ist das große Bewegtbild, in dem Räume der Kindheit und Jugend auf grünen Wiesen mit rotem Band abgesteckt werden. Rotes Band, das Wände symbolisiert, aber auch Ländergrenzen, die in dieser Biografie eine Rolle spielen. Performativ wird hier die Vergangenheit erforscht. Da ist des weiteren der Text am unteren Bildrand, der mit geschriebenem Wort durch den Film führt. Und da sind die Randnotizen, die streckenweise wie Fußnoten eines wissenschaftlichen Textes agieren.
Das führt in seiner Gleichzeitigkeit zeitweise gezielt zur Überforderung, aber auch zu unerwarteten Synergien, wenn z.B. links die Philosophen, Soziologen und Intellektuellen über Macht verhandeln und rechts im Bild zwei Kinder: "Ich bestimme." - "Nein, ich bestimme." - "Aber ich habe Superkräfte!" Was passiert mit unserem intuitiven Begreifen der Welt zwischen Kindheit und Erwachsensein, scheint Bajtala uns zu fragen. Wird eine Botschaft wertvoller, wenn die Worte komplizierter werden? Was müssen wir ablegen, um als gebildet und weltgewandt zu gelten? Und insbesondere: in einer sogenannten Aufsteiger:innenbiografie?
"Es geht um soziale Scham" sagt die allwissende Erzählerinnenstimme am Anfang des Films. Und wenn sich 40 Minuten später Frauen jeden Alters versammeln, um diese Scham gemeinsam in den Wind zu schreien, lässt der Film das isolierte Einzelschicksal endgültig hinter sich. Eine Biografie, das ist eben auch ein Produkt der Verhältnisse. Und ein Film wie dieser, das ist auch eine Liebeserklärung an die Kunst. Nicht als intellektuelle, elitäre Welt, sondern als eine, die das Anderssein erlaubt, Ausbruch, Freiheit und Erneuerung.
Katalogtext von Marlene Denningmann, 42. Kasseler Dokfest, Monitoring, 2025
In Becoming Outline nähert sich Miriam Bajtala einem komplexen Sachverhalt mit ebenso komplexen Mitteln. Was ist eine Biografie? könnte sie uns fragen. Wir könnten antworten, dass wir uns eine lineare Erzählung darunter vorstellen, in Buchform vielleicht, das lässt sich literaturgeschichtlich auch gut belegen. Wir könnten aber auch sagen, dass jedes Individuum eine Biografie hat, zusammengesetzt aus einer Sammlung von Erinnerungen, die mal mehr und mal weniger zuverlässig sind. Das eignet sich gut als Ausgangspunkt für die psychoanalytische Aufarbeitung. Oder, wenn wir so eine Aufarbeitung fürchten, dann könnten wir sagen: Biografie? Schick ich im Anhang! Und da findet man dann einen Lebenslauf, dargebracht als Fließtext, der die Höhepunkte unseres beruflichen Werdegangs in ganze Sätze verpackt. Beeindruckend, gerne, aber auch nicht zu lang.
In Bajtalas Videoinstallation sind Ansätze all dieser Herangehensweisen vorhanden und mehr. Schon die Leinwand wird multiperspektivisch genutzt. Da ist das große Bewegtbild, in dem Räume der Kindheit und Jugend auf grünen Wiesen mit rotem Band abgesteckt werden. Rotes Band, das Wände symbolisiert, aber auch Ländergrenzen, die in dieser Biografie eine Rolle spielen. Performativ wird hier die Vergangenheit erforscht. Da ist des weiteren der Text am unteren Bildrand, der mit geschriebenem Wort durch den Film führt. Und da sind die Randnotizen, die streckenweise wie Fußnoten eines wissenschaftlichen Textes agieren.
Das führt in seiner Gleichzeitigkeit zeitweise gezielt zur Überforderung, aber auch zu unerwarteten Synergien, wenn z.B. links die Philosophen, Soziologen und Intellektuellen über Macht verhandeln und rechts im Bild zwei Kinder: "Ich bestimme." - "Nein, ich bestimme." - "Aber ich habe Superkräfte!" Was passiert mit unserem intuitiven Begreifen der Welt zwischen Kindheit und Erwachsensein, scheint Bajtala uns zu fragen. Wird eine Botschaft wertvoller, wenn die Worte komplizierter werden? Was müssen wir ablegen, um als gebildet und weltgewandt zu gelten? Und insbesondere: in einer sogenannten Aufsteiger:innenbiografie?
"Es geht um soziale Scham" sagt die allwissende Erzählerinnenstimme am Anfang des Films. Und wenn sich 40 Minuten später Frauen jeden Alters versammeln, um diese Scham gemeinsam in den Wind zu schreien, lässt der Film das isolierte Einzelschicksal endgültig hinter sich. Eine Biografie, das ist eben auch ein Produkt der Verhältnisse. Und ein Film wie dieser, das ist auch eine Liebeserklärung an die Kunst. Nicht als intellektuelle, elitäre Welt, sondern als eine, die das Anderssein erlaubt, Ausbruch, Freiheit und Erneuerung.
Katalogtext von Marlene Denningmann, 42. Kasseler Dokfest, Monitoring, 2025









