SATELLITE ME / TRIGGER
Videoinstallation OHNE SCHATTEN
Legende
2 Wandprojektionen / Farbe / stereo sound /
Projektion 1:  trigger / 02:25 / Loop
Projektion 2:  satellite me / 03:56 / Loop
DarstellerInnen: Anna Mendelssohn (Fabian Patzak, FloraWatzal)
Vertrieb: sixpackfilm


trigger zeigt 50 Mal einen beinahe “gleichen” Film mit einer minimalen Handlung, der aus 50 unterschiedlichen Sichtpunkten gezeigt wird. Zu sehen sind 50 mögliche Einstellungen auf ein “Ereignis”, auf eine Handlung. Die Handlung ist ein Platzhalter für mögliche andere Handlungen.
Der aus 50 Standpunkten zusammengesetzte Blick von satellite me rückt, in spirallenförmiger Abtastung und Umkreisung, im Laufe des Filmes immer näher an die Flamme heran. Der gesamte Filmaufbau ist von außen nach innen auf den Höhepunkt des Feuer gebens ausgerichtet. Der Blick wird spirallenförmig immer enger geführt bis er im Zentrum, schneller werdend, abbricht.
satellite me zeigt die gleiche filmische Szene wie trigger, jedoch wird das Material der Aufnahme in Einzelbilder demontiert und zu einem neuen Film, wie folgt,  zusammengesetzt: Die 50 Sequenzfilme werden so zusammenmontiert, dass von Film 1 das 1. Frame genommen wird, dann von Film 2 das 1.Frame, ... usw. bis der „Kreis“ (von Blick 1 bis Blick 50) geschlossen ist, dann von Film 1 das 2.Frame, von Film 2 das 2. Frame, ... usw. bis alle Frames aller 50 Filme, neu geordnet, durch sind (Videoprogrammierung: Oliver Stotz). Sichtbar ist der Film satellite me, der nicht zeitlich sondern räumlich von einem Programm neugeordnet wurde („Zeit wird auf Raum umgelegt“) und sich aus tausenden Einzelbildern des ursprünglichen Materials zusammensetzt.

Textauszug aus: David Komary “Assymetrical Focus”
Miriam Bajtalas Doppelprojektion Ohne Schatten zeigt eine filmische Szene auf zwei unterschiedliche Weisen. Eine Frau sitzt, geradezu modellhaft, in einem leeren Fabrikgebäude und zündet gegen Ende der Szene ein Feuerzeug an. Eine einfache Handlung, die einem Platzhalter für eine mögliche filmische Handlung gleicht. Bajtala fährt beim Filmen der Szene mit der Kamera von vierundfünfzig Punkten im Raum, die kreisförmig um den Schauplatz angeordnet sind, auf diesen zu. Im Anschluss verarbeitet sie das aufgenommene Filmmaterial auf zwei unterschiedliche Arten. In der ersten Version, trigger, verwendet Bajtala die Bilder analog zur Aufnahmefolge: Eine Kamerafahrt folgt der nächsten, Räumliches wird schlicht in eine zeitliche Folge übertragen. In der zweiten Version, satellite me, bricht die Künstlerin die ursprüngliche Bildfolge der Aufnahmen auf, sie reiht die jeweils ersten Einzelbilder der vierundfünfzig Filme aneinander, darauf folgt die Verkettung der je zweiten Bilder usw., woraus eine spiralförmige, sich auf den Szenenmittelpunkt zubewegende „Kamerafahrt“ resultiert. Die von diesem „neuen“ Film evozierte Zeitlichkeit und Räumlichkeit basiert einzig auf der Dekomposition des originalen, filmisch notierten Raumzeitgefüges und der neuen Synthese. Im Unterschied zu trigger kommt es hier zu einer Verräumlichung des Zeitlichen, einem Kontinuum von Raumfalten des Zeitlichen.

Die Protagonistin des Films scheint in diesem Prozess der synthetischen Kamerabewegung stillgestellt, ihre Handlung zum verräumlichten Bild, zur Skulptur fixiert. Einzig der Kamerapunkt scheint bewegt, zum eigentlich Handelnden wird der Blick. Damit verkehrt Bajtala das Verhältnis von Subjekt und Objekt der Aufnahme, sie generiert ein invertiertes filmisches Dispositiv, in dem sich Agens und Movens verkehren.

Ohne Schatten fokussiert nicht das Entweder-oder der Modalitäten möglicher Bildreihung, sondern einen Bereich, den die Kamera nicht zu fassen, nicht aufzuzeichnen vermag. Mit der simultanen Projektion der Filme schafft Bajtala einen Raum zwischen raumzeitlicher (trigger) um zeiträumlicher Bildlichkeit (satellite me). Sie konzentriert sich auf jene Zwischenräume, jenen nicht medialisierbaren Raum zwischen den Bildern, der auf der medialen Kodierung des Sichtbaren einerseits und der Trägheit des Auges andererseits basiert, jenen Bereich, in dem die Bilder der beiden Projektionen miteinander zu tun haben und doch nicht zur Deckung kommen. Bajtala untersucht jenes Moment, in dem die Konstitution eines homogenen Raums scheitert. Die vertrauten Raumkonstitutionsschemata der BetrachterInnen werden von den zwischen den simultanen Projektionen entstehenden Interferenzen in Frage gestellt. Raum ist hier weder vor noch hinter der Kamera gegeben, er scheint aus einer chronopiktoralen Reihung zusammengesetzt, also reine Konstruktion zu sein. Letztlich ist es keiner der beiden Filme, der über die fragmenthafte Räumlichkeit Aufschluss zu geben vermag, sondern der Betrachter selbst, seine Ergänzungsleistung und sein Raumhandeln, aktual-physisches wie zugleich imaginär-diegetisches. Dieser durch den Betrachter hervorgebrachte imaginäre Raum markiert einen Bereich der Unbestimmtheit, der nicht auf Ungenauigkeit oder Zufall beruht, sondern auf der Kontingenz der Intervalls selbst, auf der medialen Logik der Reihung der Bilder und ihren impliziten Leerstellen.
Mit diesen sehr unterschiedlichen Formen dezentrierender und defokussierender Bildgenese bei Krautgasser und Bajtala werden zentralperspektivische (Krautgasser) und diegetische (Bajtala) Raumkonstruktion einander gegenübergestellt. Das medienreflexive Moment in beiden Arbeiten gilt jedoch nicht allein dem Sehen, dem Blick bzw. der Frage nach dem Unvermögen des Blicks. Die Künstlerinnen verweisen vielmehr auf eine grundsätzlich gesellschaftlich und stets politisch kodierte Form der Wahrnehmung. Denn die Frage nach einem Raummodell ist zugleich stets die Frage nach der hegemonialen Raumordung, letzten Endes nach dem Weltbild, das der, das jeder Wahrnehmung vorangeht. Es geht nicht bloß um Sichtbarkeit, sondern um eine Ordnung der Dinge via Blick, um ein Blickregime, das die Festlegung von Distanzen und Verfahren des Ein- und Ausschlusses reguliert.

Ein tradierter, euklidischer Raumbegriff, der Raum als unendliche, homogene, dreidimensionale Ausdehnung entwirft, scheint hier als Modell der Raumbefragung obsolet. Das Zentrum des Blicks, der umgekehrte Fluchtpunkt des zentralperspektivischen Dispositivs, fungiert nicht weiter als Analogon eines Subjekts, das die Welt projektiv vor sich zu entwerfen vermag. Vielmehr generieren Krautgasser und Bajtala ein kontingent veränderliches Wahrnehmungs- und Raumbild, das die Diegese durch den Betrachter, das heißt die Verräumlichung, stets von Neuem herausfordert.